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Warum es Kindern so leicht fällt Neues zu lernen, aber Erwachsenen so schwer

Posted in Mem/Idee by debbus on January 26, 2010

Heute möchte ich meine bisherigen Erfahrungen und Gedanken zum Thema Motivation und Lernen zusammenfassen. Es ist ein Thema, das mich viel und schon lange beschäftigt. Seit meiner Kindheit bin ich daran interessiert, möglichst breitgefächert zu üben und zu lernen, seien es Musikinstrumente, Sprachen, Programmieren, Sportarten, Schach u.a. Wie jeder andere auch habe ich dabei viele Motivationslöcher, Hochs und Tiefs durchgemacht, manche Sachen lange durchgezogen, und andere trotz vieler Versuche einfach nicht besonders lange, oder erst nach einem Neustart, nach vielen Jahren durchhalten können. Nach ca. 15 Jahren Erfahrungen mit dem Thema Üben (ich zähle jetzt einfach mal grob den Beginn meines Klavierunterrichts in meiner Kindheit als Startpunkt) kristallisiert sich für mich jedoch so langsam ein Muster heraus. Ein Muster in dem, wie Motivation funktioniert, warum man manche Hobbies lange durchzieht und dabei auf ein professionelles Level gelangt und bei anderen wiederum nicht – was also die Voraussetzungen sind, auf einem Gebiet über Jahre und Jahrzehnte konstant zu üben und weiterzukommen.
Interessanterweise existiert zum Thema Lernen und Motivation kein großes Allgemeinwissen – zumindest ist das mein Eindruck. Sicher gibt es viele tolle Bücher mit Motivationstheorien, die einem weiterhelfen würden, würde man sie denn kennen und lesen. Mein Eindruck war aber bisher immer, dass bei den Menschen, die mir bisher begegnet sind, eher wenig praktische Erfahrung mit dem Thema besteht. Die Allermeisten kämpfen mit sich und ihren Vorsätzen, und das meist ohne dauerhaften Erfolg. Ein Phänomen, dass man zu jedem Jahresanfang wieder beobachten kann. Wie viele wollen jetzt endlich mal Spanisch lernen und nicht nur einen Kurs machen, nach einem halben Jahr schon wieder aufhören und dann war’s das, weil Lust und Motivation verflogen sind. Wie viele Menschen ärgern sich, dass sie in ihrer Jugend mit dem Klavierunterricht aufgehört und nicht konsequent weitergeübt haben – wie gut wären sie mittlerweile, hätten sie sich damals einfach mehr zusammengerissen und nicht herumgehangen!
Und genau hier offenbart sich schon die Haltung, die für mich Dreh- und Angelpunkt der kompletten Thematik ist; ist diese erst einmal erkannt und verstanden, besteht die Möglichkeit, es endlich anders zu machen und dadurch am Ende genauso schnell und erfolgreich zu lernen, wie man es früher als Kind getan hat. Denn was machen Kinder anders wenn sie lernen, anders als Erwachsene?

Rationale Beweggründe sind in Ordnung…

Kinder sind Erwachsenen in einem Punkt voraus, aber eigentlich nur, weil die dahinterliegende Struktur noch nicht “im Voraus” ist. Der präfrontale Kortex – das ist das Hirnareal, das sich direkt hinter der Stirn befindet und Ort höherer kognitiver Prozesse ist, wie auch Planen und die Zukunft antizipieren – entwickelt sich erst im Jugendalter vollends. Das bedeutet, Erwachsene sind (in der Regel) sehr gut darin, mittel- und langfristig zu planen – was sie wann gerne tun würden, wo sie wann gerne wären und wer sie dann gerne sein würden, körperlich und charakterlich. Kinder haben diese Fähigkeiten nicht, weil sie noch nicht das Gehirn dafür haben – sie können nicht viel weiter als die nächsten paar Tage in die Zukunft denken. Das hat natürlich seine Nachteile. Doch zum Glück plant Papi für den Kleinen mit, wenn er Essen für die nächste Woche einkauft.
Dieses kognitive Defizit hat aber gerade seine Vorteile im Bereich des Lernens und Übens. Der entscheidene Aspekt, der Kinder von Erwachsenen beim Üben unterscheidet, leitet sich nämlich aus der mangelnden Fähigkeit, zu planen und die Zukunft zu antizipieren her. Kinder befinden sich mental hauptsächlich in der Gegenwart und können maximal ein paar Tage nach hinten und vorne schauen. Dadurch können sie aber auch kaum darüber nachdenken, wo sie in einigen Jahren sein und wie sie sich charakterlich entwickeln möchten, welche Sprache sie gerne können würden – und zu welchem Nutzen überhaupt. Kinder denken kaum über den Nutzen irgendwelcher Tätigkeiten nach – möglicherweise einfach mangels Erfahrung mit dem Leben und der Welt. Sie wissen noch gar nicht, was welchen Zweck für sie haben kann. Das müssen sie erst im Laufe der Jahre erleben.
Mangels einer Nutzen-Kosten-Kalkulation oder überhaupt einer analytischen Haltung gegenüber dem Lernen, haben sie bei ihren Beschäftigungen und Tätigkeiten kaum ein Interesse daran, was ihnen das vielleicht einmal mittel- und langfristig bringen kann.
Ganz im Gegenteil zu Erwachsenen. Sie fangen Tätigkeiten und Hobbies fast NUR aus der Nutzenüberlegung heraus an. Ich möchte Spanisch/Englisch können, denn dann kann ich souveräner im Ausland/in Meetings auftreten, dann kann ich auf Reisen in der Landessprache sprechen, dann können sich mir andere Kulturen erschließen, und ich lerne Menschen aus anderen Ländern kennen. Ich möchte Klavier lernen, denn Musikinstrumente lernen ist gut für das Gehirn. Als Klavierspieler wächst mein Ansehen, gelte ich als intelligent, einfühlsam usw. Ich möchte eine Sportart, mit dem Bodybuilding anfangen, um fit zu sein und schnell Muskelmasse aufzubauen. Denn das sieht gut aus, kommt gut beim anderen Geschlecht an, hält mich gesund und länger am Leben.

All das sind völlig valide Gründe und Überlegungen. Jedoch verbirgt sich hier das Problem: es geht immer und einzig allein um rationale Gründe, wieso man etwas tun und verfolgen sollte. Und es geht immer um in die Zukunft projizierte Zustände, die man gerne erreichen möchte und für deren Eintreten man sich ein bestimmtes Vorgehen überlegt. Mit gutem Grund, denn man weiß ja, dass diese Mittel auch zum Zweck führen. Doch, nur allein, warum nie bei einem selber? Weil man es nicht durchhält, weil nach einem anfänglichen Höhenflug an Motivation plötzlich jede Lust verflogen ist. Lust? Aha!

…aber vor allem Spaß muss es machen

Warum lernen Kinder? Warum beschäftigen sich Kinder stundenlang mit derselben Sache? Weil es ihnen Lust und Spaß bereitet! Und nicht, weil sie sich davon einen Nutzen erhoffen. In diesem Sinne sind Kinder ganz in der Gegenwart. Sie haben sich diese eine Tätigkeit heute ausgesucht, weil sie heute und jetzt darauf Lust haben, und machen diese solange, bis die Lust verflogen ist. Dann widmen sie sich dem, worauf sie als nächstes Lust haben. Und genau das sind optimale Bedingungen für das Lernen, denn das Gehirn lernt dann am besten, wenn Lerninhalte mit Emotionen verbunden sind. Die wirkungsvollste Emotion dabei ist Spaß, Freude, Lust.
Erwachsene hingegen empfinden nicht mal Lust, bevor sie eine Tätigkeit beginnen. Man geht halt ins Fitnessstudio, weil wieder Montag ist, und zwingt sich dahin, obwohl man viel mehr Lust auf Fernseher und Couch hätte. Das Praktizieren selbst macht auch keinen Spaß, man zwingt sich zum Dranbleiben – man kann ja nicht schließlich immer nach seinen Launen gehen. Schön rational, aber leider keine besonders optimale Lernumgebung für das Gehirn.

Was lässt sich also daraus schließen? Ein über lange Jahre konstantes Üben lässt sich nur erreichen, wenn die Tätigkeit, das Hobby, nicht erst vielleicht einmal in ferner Zukunft Freude schafft. Klar wird es mir Freude machen, wenn ich einen schönen, breiten, muskulösen Körper habe. Aber klar ist auch, dass bis dahin 3-5 Jahre vergehen werden, wenn in der Zeit konstant zweimal die Woche trainiert wird. Studien zeigen, dass für eine Profikarriere am Klavier oder der Geige ca. 10.000 Stunden reine Übungszeit nötig sind. So lange hält einfach keine Motivation, wenn sie nur auf einen eventuell in der Zukunft auftretenden Gewinn zielt. Das Motivationsgedächtnis ist stark begrenzt, und für das Reward-System im Gehirn sind mögliche Belohnungen in der fernen Zukunft viel zu abstrakt, um dauerhafter Anreiz zu sein. Dopamin muss immer wieder in bestimmten Mengen ausgeschüttet werden – und zwar jetzt. Bei Kindern läuft das intuitiv richtig, nämlich indem die Tätigkeit JETZT, in der Gegenwart, in diesem Moment Spaß und Freude macht. Übertragen auf sich als Erwachsenen, freut man sich dann schon einen Tag vorher darauf, endlich wieder ins Fitnessstudio zu können. Man denkt bereits morgens im Büro daran, wie schön es am Abend sein wird, endlich wieder für eine Stunde oder mehr im Klavierspiel versinken zu können. Und ärgert sich, wenn man schon seit drei Tagen nicht mehr zum Singen kam, bloß um sich umso mehr zu freuen, sobald die Zeit dafür wieder da ist.
Kein Wunder, denn das Gehirn weiß, dass diese Tätigkeit mit einer belohnenden Dopaminausschüttung einhergeht. Und schon wird es regelrecht süchtig danach.

Trotzdem kann man auch den langfristigen Nutzen des Übens im Hinterkopf haben. Wenn ich oft singe, werde ich natürlich besser werden, damit kann ich rechnen. Den präfrontalen Kortex haben wir nunmal, und können ihn auch ruhig zu unserem Vorteil nutzen. In der Tat haben das Erwachsene den Kindern voraus: sie können gezielt ein Hobby anfangen, aus ganz bestimmten Gründen. Sie können effektiv mit über Jahre hinweg gestrickten und immer wieder angepassten Übungsplänen üben. Sie können sinnvoll und strukturiert vorgehen. Denn bestimmte, allgemein bekannte Fehler in den jeweiligen Disziplinen kann man getrost und zeitsparend vermeiden.
Es ist also in Ordnung, wenn Tätigkeiten Mittel zum Zweck sind, solange sie auch gleichzeitig einen Selbstzweck haben. Dieses scheinbare Paradox gilt es aus- und aufrechzuerhalten.

Die zwei Phasen des Übens

Es gibt beim Üben mindestens zwei Phasen. Die erste ist die schwerere Phase, die, an der viele scheitern. Man hat sich rational Gründe überlegt, warum man gerne eine bestimmte Fertigkeit erlernen möchte. Also fängt man an und erlebt ziemlich schnell schon erste Frustrationen. Völlig normal, denn man erlebt sich als unbeholfen, unerfahren, als Anfänger. (Übrigens ein weiterer Unterschied zu Kindern: diese kennen es gar nicht anders, als Anfänger zu sein – das sind sie nämlich überall!) Doch es lohnt sich, diese Phase auszuhalten und zu überstehen. Denn diese scheinbaren Niederlagen und Rückschläge sind in Wirklichkeit Fortschritte – denn sie sind Gelegenheiten zum Lernen. Es gibt das Sprichwort, dass ein Experte jemand ist, der auf einem Gebiet alle Fehler gemacht hat, die man machen kann.
Am besten beginnt man das jeweilige Hobby auf einer Ebene, die direkt zugänglich ist, Spaß macht und nicht abstrakt oder zu kompliziert ist. Singen sollte man z.B. nicht direkt mit Tonleiterübungen beginnen, sondern, indem man einfach regelmäßig Lieder singt, z.B. bei der Karaoke. Dabei hält man (selbst, und der Nachbar) aus, dass man Anfänger ist, d.h. wahrscheinlich nicht besonders schön singt. Man sollte versuchen, seinen jetzigen Status nicht zu sehr mit einer Zukunftsfantasie zu vergleichen (man selbst auf einer Bühne stehend und das Entzücken tausender Menschen genießend).  Das kann so nur direkt demotivieren. Seine Ziele soll man ruhig im Auge behalten, aber nicht erwarten, dass sie in zwei Wochen eintreten. Ein langer Atem ist gefragt, je nach Disziplin über Jahre hinweg. Bei jedem Menschen wieder neu.

Nachdem man grundlegende Erfahrungen gesammelt hat, gelangt man auf ein Level, auf dem man sich einigermaßen wohl und in dem Thema zu Hause fühlt. Und so entsteht nach und nach die Lust darauf, mehr in die Theorie einzusteigen und z.B. gezielt Gesangsübungen zu machen.

Hat man die ersten Frustrationen überstanden und ist trotzdem noch bei seinem Hobby geblieben ohne aufzugegeben, hat man den Berg überwunden und die zweite Phase erreicht. Plötzlich fängt das Hobby an, Spaß zu machen. Ja, man freut sich regelrecht darauf! Und dazu muss man noch gar nicht besonders gut singen können. Man muss das Thema einfach nur zu einer persönlichen Sache gemacht haben, in dem man sich wohl und wie zu Hause fühlt. Das Gehirn wird abhängig und regelrecht süchtig nach dem Hobby, denn in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass die Beschäftigung einen Kick bereitet. Und nichts kann das Gehirn besser, als sich zu merken, was zu einem Hoch geführt hat. Es wünscht sich sehnlichst, auf dieselbe erfolgsversprechende Art wieder einen Kick zu bekommen.
Tun wir ihm diesen Gefallen!

7 Responses

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  1. Lampe said, on January 26, 2010 at 8:51 pm

    Sehr interessant und einleuchtend. Genau wie die älteren Artikel hier – anregende Gedanken. Gefällt mir gut!

  2. kawa13 said, on January 27, 2010 at 2:01 pm

    Der Artikel hat mir schon beim Überfliegen sehr gefallen.Ich finde, daß das spannende Gedanken zu dem Thema “Lernen” sind. Werde mir den Artikel nochmal in Ruhe durchlesen …

  3. miss wallman said, on February 14, 2010 at 9:36 pm

    Ein sehr schöner Artikel. Trotzdem frage ich mich, warum ich manchmal über Wochen kein Yoga mache, obwohl ich doch genau weiß, wie gut es mir tut – und der Belohnungseffekt ja fast immer direkt spürbar ist. Werde mal drüber nachdenken..

  4. [...] In der Zwischenzeit möchte ich noch auf einen hervorragenden Artikel meines Bruders hinweisen, in dem er beschreibt Warum es Kindern so leicht fällt Neues zu lernen, aber Erwachsenen so schwer. [...]

  5. mdma said, on March 16, 2010 at 2:01 am

    Und ich dachte das gehirn von kindern wäre tatsächlich besser darin, neue muster zu errinern. Außerdem, was sollen kinder sonst mit ihrem gehirn anfangen? Um playstation zu zocken müssen sie ja zumindest verstanden haben wie man das gerät einschalten kann.
    Als kind erscheinen die fragen über diese welt sehr viel bedeutender, und die belohnungen sind ungleich höher. Kindheit ist nicht nur eine zeitspanne, sondern auch ein biologischer prozess. Ist erwachsensein ein neurobiologisch erfassbarer Zustand?

  6. potratz sabine said, on January 17, 2011 at 8:38 pm

    hallo,
    ich habe mit 40 angefangen Harfe zu lernen, weil mir der Klang dieses Instrumentes gefallen hat , weil es zum Sterben schön ist. Renomee, Intelligenztraning war relativ zweitrangig. Als Erwachsener muß man aber leider (so empfinde ich es zumindest) die traurige Erfahrung machen, das der Wunsch ein Instrument zu lernen nicht selten belächelt wird. Naja, sagte eine Musikerin zu mir, nachdem ich ihr ein eigenes Stück nach einem viertel Jahr üben vorgespielt hatte, das ist halt etwas das raus muss.
    Als hätte ich eine Art musikalische Diarrhöe. Trotzdem lasse ich mich nicht entmutigen und spiele wacker meine eigenen Stücke vor unterschiedlichstem Publikum (die übrigens sehr gut ankommen). Man sollte weder Kinder noch Erwachsene über einen Kamm scheren, die Motivation, die Art wie und warum wir als Menschen uns mit Musik auszudrücken ist immer einzigartig und beachtenswert. Kinder werden nicht selten in die ungeliebte Klavierstunde gedrängt und es mag auch Erwachsene geben die ein Instrument nur aus Prestigegründen spielen. Trotzdem finde ich die dargestellte Sichtweise sehr oberflächlich, da sie Personen aufgrund ihres Alters mit bestimmten Eigenschaften etikettiert.

  7. [...] Ich habe einen längeren Artikel zum Thema Movitation, Lernen und Üben verfasst, mit dem Titel  Warum es Kindern so leicht fällt Neues zu lernen, aber Erwachsenen so schwer [...]


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